talawas chủ nhật

 
Văn xuôi :: 15.07.2007
Đỗ Phước Tiến In einem kälteren Land

 

Thai Kim Lan
Kim Lan Thai

„… Kim Lan Thai ist nicht einfach nur Vermittlerin asiatischen Denkens nach Deutschland, sie ist nicht einfach nur Dolmetscherin zwischen den Sprachen und Kulturen, sondern sie unternimmt einen Balanceakt, der eine eigene, sehr persönliche, aber auch Richtung weisende kreative Synthese darstellt, also nicht einfach asiatische Vorstellungswelt in deutschem Gewand, ganz sicher nicht Übersetzen vietnamesischer Gedichte in deutsche Sprache, sondern der Versuch, aus der ständigen Spannung, der sie in ihrem Leben ausgeliefert ist, etwas zu entwerfen, das weder einfach Heraufbeschwören des „Dortigen“ noch einfach Eintauchen in das „Hiesige“ ist, sondern die Spannung zwischen den Welten fruchtbar werden zu lassen für Eigenständiges und Neues.“

Irmgard Ackermann

Kim Lan Thai

In einem kälteren Land

(Gedichte, Deutsch und Vietnamesisch)

deutsch
tiếng Việt

 

Für meine Tochter Mai Lan Minh Hanh Tuong Nhi

 

Danken möchte ich

meiner verstorbenen Freundin E. Weinberg, deren aufmerksames Hinhorchen mir die Freude gab, weiter zu schreiben.

Frau Dr. I. Ackermann für die verständnisvolle Einleitung und nicht zuletzt Herrn Dr. W. Böhme für die Ermutigung zum Selbstvertrauen, damit diese Zeilen endlich an die Öffentlichkeit kommen.

Zum Geleit

Irmgard Ackermann

Kim Lan Thai hat ihre Gedichte in deutscher Sprache geschrieben, das heißt weder einfach, dass sie aus der vietnamesischen Sprache in das Deutsche übersetzt, noch dass sie sich einfach in deutschen Ausdrucksformen bewegt. Hier ist in der Tat ein neuer und eigener Klang zu hören, den es bisher so noch nicht gegeben hat. Was macht also die Eigenart dieser Gedichte aus, und wie erklärt sich die Faszination, die von diesen Texten ausgeht?

Einmal ist da die Sprache, die aufhorchen lässt. Sie ist unkompliziert, aber doch komplex, ebenso weit entfernt von forciertem Ausdruck und sprachlichem Experimentieren wie von Alltäglichkeit. Vielleicht ist es gerade die Tatsache des Schreibens in der „fremden Sprache“, die die sprachlichen Mittel bewusster abtastet und ungewohnte, überraschende Möglichkeiten, die sich dem Muttersprachler nicht so ohne weiteres anbieten. Wenn „die Einsamkeit zur Heilsamkeit wird“, wenn „der uralte Baum im dunklen Hof schneeblumig aufblüht“, wenn „alleinsein“ ersehnt wird oder wenn der verschreckte Vogel „topfenrhythmisch zu erzählen anfängt“, so lässt die Ungewöhnlichkeit der Ausdrücke den Leser anhalten, noch einmal lesen, und vielleicht ein weiteres mal, bis der Hintersinn aufleuchtet, der im sprachlich vertrauten Gefüge leicht überlesen wird. Nicht nur ungewohnte Wortverbindungen, auch ungewohnte Wortstellungen („nimm bitte nicht all zu viele auf deutschem Wortschatz absolute Begriffe“) oder offen gehaltene syntaktische Beziehungen („die halbe Erdkugel wundgelaufen wieder daheim“) können diese Wirkungen erzielen, wenn der Leser sich einlässt auf das Experiment, einen gewissen Schwebezustand nachvollzieht, auf eindeutige Festlegungen verzichtet.

Auch die Bildersprache bringt neben vielen Signalen der vertrauten und alltäglichen Umwelt eine Ausweitung in solche Bilder, die dem westlichen Leser nicht so selbstverständlich sind, wie etwa die Longan-Bäume, die Bananenblätter oder die roten Libellen, die Exotik und Üppigkeit beschwören, und die Lotosblüten, die auf die Vorstellungswelt des Buddhismus verweisen. Aber nicht nur solche „exotischen“ Versatzstücke weisen auf den „fremden“ Hintergrund, sondern auch solche Bilder, die uns vertraut und alltäglich scheinen, wie etwa der Regen oder die Teeblüten. Erst bei genauem Hinhören wird einem bewusst, dass diese Bilder keineswegs vertraute Dinge signalisieren, sondern dass in ihnen asiatische Vorstellungen einen konzentrierten Ausdruck gefunden haben: Der Regen, der in vielen der Gedichte beschworen wird, hat einen anderen Stellenwert als in unseren Breitengraden: Regen wird als der Bote der Heimat angesehen, der die Fremde erträglich macht, Regenwasser bringt Heilung, Erquickung und kann die mit allen Sinnen nachvollziehbare Bestätigung für das „Zuhausesein“ werden. So ist auch die Teeblüte nicht nur irgendeine Blüte, die durch Schönheit oder Duft bezaubert, sondern sie ist das Bild, in dem der „vertraute Duft einer versteckten winzigen Teeblüte“ zum Wegweiser in die Kindheit wird, eine Bestätigung des Zuhauseseins („Großmutters Garten“).

Und schließlich ist da eine Vorstellungswelt, die wie Sprache und Bilderwelt ihren Ausgang nimmt in Vorstellungen, die dem westlichen Leser vertraut sind: Philosophische Begriffe und Lust am Argumentieren bilden den einen Pfeiler der Brücke, deren anderer wiederum in eine andere Richtung weist, nämlich in die buddhistische Vorstellungswelt, in das Leben durch das Karma, „zurück zum Zen“. Es liegt nahe, die eigentliche Triebfeder für die Aussage der Gedichte in der buddhistischen Welt zu sehen, aber ähnlich wie in der sprachlichen Symbiose und der Verschmelzung westlicher und östlicher Bilderwelt wäre es wohl zu kurz gegriffen, wenn man diese Gedichte allein ihrem asiatischen Hintergrund würde verstehen wollen:

Kim Lan Thai ist nicht einfach nur Vermittlerin asiatischen Denkens nach Deutschland , sie ist nicht einfach nur Dolmetscherin zwischen den Sprachen und Kulturen, sondern sie unternimmt einen Balance-Akt, der eine eigene, sehr persönliche, aber auch Richtung weisende kreative Synthese darstellt, also nicht einfach asiatische Vorstellungswelt in deutschem Gewand, ganz sicher nicht Übersetzen vietnamesischer Gedichte in deutsche Sprache, sondern der Versuch, aus der ständigen Spannung, der sie in ihrem Leben ausgeliefert ist, etwas zu entwerfen, das weder einfach Heraufbeschwören des „Dortigen“ noch einfach Eintauchen in das „Hiesige“ ist, sondern die Spannung zwischen den Welten fruchtbar werden zu lassen für Eigenständiges und Neues.

*

Anstelle des Vorwortes

Heute kommt der Herbstregen nach vielen Tagen Sonnenschein wieder, wie ein Trost mit gemischten Gefühlen: Melancholie und Seligkeit zugleich. Das Herz schwillt schmerzend mit der rasenden Geschwindigkeit des Klangs der Regentropfen am Fenster.

Zu regnen ist mein Wunsch, dieser Wunsch, mich zu vergessen im Bewusstlossein, im fließenden unendlichen Herunterfallen, ohne ein Wozu als einen dem Regentropfen fremden Laut zu heben.

Im leichten Fieber des späten Sommers träume ich, auf meinem eigenen Leben reitend, durch Millionen Lebenskarma hindurch reisend. In diesem Regen träume ich wie immer in jedem Regen des Lebens, dass ich mich auf einer Reise befinde, die einen Kreis wie die Erdkugel vollzieht, so rund und so vollkommen wie jener Regentropfen, der ins Meer lautlos hineinrollt, der vom Himmel die Erde berührt, mit unendlichem Klang und Schall den ganzen Kosmos füllt…. In ihm fließen Zeit und Raum ineinander, Ferne und Nähe verschlingen sich, Kindheit und Altwerden vereinigen sich, Traurigkeit und Heiterkeit versöhnen sich miteinander…

Im Regenrauschen verspüre ich jedes Mal dieses glückselige Gefühl: Als ob der Regen über Millionen Jahre hindurch zu mir hereilt, als ob er alle Erdteile überschreitend zu mir herfällt, er ist so alt wie der Geruch der Erde in der Regenzeit und so neu wie seine frische Klarheit am Frühlingstag. In ihm begegne ich nicht nur meiner eigenen Kindheit, sondern auch dem Ursprung aller Erdteile. Bei dieser Begegnung entsteht so etwas wie eine selige Sehnsucht, die meine vom Regenklang betäubte Seele zur Abgeklärtheit aufregt, eine Sehnsucht nach etwas schon Bekannten in mir, die dann in Erfüllung geht…

Im ersten Augenblick des Rauschens ist es mir, als ob ich die Erdkugel in meinem Schoß halte, mit und auf ihr fliege, auf einer Reise, die überall hinführt, und Nirgendwo erscheint mir als fremdes Land…


 
deutsch
tiếng Việt

Begegnung Nr. 1

Die erste Nacht

im fremden Land

vor fremder Wand

im fremden Bett, Schlaflosigkeit

bemalt

weiß

die Nacht

in frühen Morgenstunden

kommt plötzlich

der Regen.

Kommt da

irgendjemand

aus der Heimat?


 
deutsch
tiếng Việt

Zum deutschen Freund

doucement, doucement

mein Lieber

sprich bitte

in der Sprache der Liebe

nicht zu laut

nimm bitte

nicht allzu viele

aus deutschem Wortschatz

absolute Begriffe

denn

noch bin ich

ein Kind

in deiner Sprache

und nehme dich

so gern

beim Wort.


 
deutsch
tiếng Việt

Morgenregen im Ausland

Welcher verlassene Vogel

singt obdachlos

der blassen Morgendämmerung entgegen

so nass und kalt klagend

mich aus dem flüchtigen Gemeinsamsein

mit den Meinen daheim

verschreckend

so dass

es mir

wieder

schwer

fällt

in aller Einsamkeit

zu zählen

noch

einen

Regentag

im Ausland.


 
deutsch
tiếng Việt

Vorfrühling

Die Sonne

fällt schon

hinter den Berg

lichte Dunkelheit

fliegt hoch

zum vergoldeten Horizont

Nur der winzige Vogel im Hof

singt noch

die – Zeit – wärmend

in den ewigen Frühling

hinein


 
deutsch
tiếng Việt

Frühling

Der Frühling

keimt

schon aus der Erde

Das zartgrüne Gras

berührt

schüchtern

den blauen Horizont.

Der dürre Wald

regt sich

im rosa Licht

des jungen Mondes

auf

neues Karma.


 
deutsch
tiếng Việt

Morgen am See

Der Abendstern

hängt noch

verschlafen im See.

Die Flügel

der roten Libelle

zittern

im Tau

und

erschrecken leise

die verträumten Seerosen.


 
deutsch
tiếng Việt

Abend am See

Das Gesicht des Sees

so still

wie Buddhas Antlitz.

Die Seerosen

halten noch inne

auf feuchten Lippen

das Lächeln der Mona Lisa.

Auf dem Heimflug

tunkt

die verspätete Schwalbe

das Haupt

ins holde

Wasser

und holt

auf Flügeln

das Licht anheim.


 
deutsch
tiếng Việt

Sommerregen

Der Abendregen

regnet grün

im Englischen Garten.

Das blasse Gras

weint

um den letzten Tropfen

des Lichts

auf der Spitze.

Am Ufer

des rauschenden Baches

schlummert

ein liebendes Paar

in ewiger Umarmung.


 
deutsch
tiếng Việt

Sommer I

Inmitten des Lebens

zwischen grünen Feldern herumirren

das Gesicht

dem luftigen Sonnenschein

hochentgegengehalten

im tiefen Juni-Grün

das Herz

unendlich versinken lassen

und allein-

sein.


 
deutsch
tiếng Việt

Sommer II

Juni-Kirschen

halb blass

halb rot

im grünen Licht

des sonnenberauschten Laubes

leiden

zögernd

genießend.


 
deutsch
tiếng Việt

Herbstregen

Die letzten Rosen

hängen

sommersehnsüchtig

zur Erde

– Regen fällt

auf Regen –

es

erkältet sich

zum ersten Male

die verworrene Seele

wieder


 
deutsch
tiếng Việt

Herbststimmung

Das rote Blatt

fliegt

zum blauen Himmel im See

zurück

heilfroh

mich

zum anderen Ufer

bringend.


 
deutsch
tiếng Việt

Wieder Herbstregen

Hörst du, mein Lieber

das leise Vibrieren

der grünen Farbe

im tiefversunkenen Laub

des Englischen Gartens.

Es rauscht

wieder

der Herbstregen

zur

Sommervollendung.


 
deutsch
tiếng Việt

Die Zeit

Von Zeit

gerührt

läuft

das prachtvolle Gelb

über

verblasste Blätter

zum

vollen Klang

der Herbstsonate.


 
deutsch
tiếng Việt

Frühschoppen [9] zum Frühling

I.

Des Jahres

linde Nacht

malt wie erwartet

im Teich

die junge Mondfrau [10]

den ersten Bogen

ihrer feinen Augenbrauen

zum Willkommen

des Frühlings

II.

Des klaren Morgens

aufgewacht von tiefer Winternacht

da bricht heraus

aus Adern der Äste

die Röte

zum

Verschönern

des blutjungen Gesichtes des Frühlings

III.

Zur glücklichen Himmelsstunde

der Entbindung der Erde

kehren zurück

die Schmetterlinge

zum Baum

die grüne Pracht des Frühlings

zu besticken

IV.

Im tanzenden verstaubten Sonnenlicht

sucht inbrünstig

der rückkehrende Vogel

auf dem vermoosten Dach

alte Spuren

des verlassenen Nestes

am Tor

frohlockt schon

die Ankunft des Frühlings.


 
deutsch
tiếng Việt

Erster Schnee

In tiefer Nacht

pulst aus der Brust

das Blut

in geheimnisvoller Unruhe.

Wie leuchtend still

zeigt sich

am frühen Morgen

der alte Baum

im dunklen Hof

schneeblumig aufblühend.


 
deutsch
tiếng Việt

Ein Brief, der nie geschickt wird

Weißt du, dass

wenn ich

etwas Schönes

koche, ich

jedes Mal

bedauere,

dass

du

es nicht mehr genießen kannst

dass

ich nie mehr für dich kochen werde?

Ich vermisse

die Lust, die Freude in deinen Augen

beim Erblicken

der schönen Gerichte.


 
deutsch
tiếng Việt

Erinnerung

Der Juni geht zu Ende

die Hitze wuchert schwül am Dach

der Himmel nah der Erde

das Bewusstsein kehrt auf einmal um

zu jener Zeit.

Es war ein Novembernachmittag

der erste Schnee weht

in der Theresienstraße

der Himmel verloren

im unsichtbaren Nichts.

Ein bekannter Fremder fährt ab

du gehst

nach Hause

dann ins Bett

träumend, fragend, wartend

verlassen und ruhig und glücklich

und unglücklich und einsam.

Es dunkelt draußen

schnell

wie immer am Novembernachmittag

das Telefon klingelt

du hörst aus weiter Ferne

„du, ich hab’ dich ganz lieb“.


 
deutsch
tiếng Việt

Liebesgedicht

Die Tage

unserer Liebe

zählte ich

an Deinen

eiligen Telegrammen

„Guten Morgen, mein Liebes, tausend Küsse…dein“

„Habe Sehnsucht nach dir

tausend Küsse…dein“

„Möchte dich unbedingt heiraten

tausend Küsse. Dein“

„Wann heiraten wir?

tausend Küsse. Dein“

Dann verstummt

das Klingeln des Telegrammboten

und ich fange an

die ungezählten

luftigen Küsse

zu zählen

bis dein Bild verblasst…


 
deutsch
tiếng Việt

Für verwandte Auswanderer

Gegenüber sitzt verschlafen die neue Nachbarin,

erst gestern ist sie im Lager [6] eingetroffen

und verwechselt offensichtlich noch

die westliche Nacht

mit dem östlichen Tag

denn heute inmitten tiefer Nacht

klapperten drüben hinter der Wand im Nachbarzimmer

die Koffer immer auf und zu

dabei weinte die junge Frau untröstlich

um jedes mitgebrachte Stück

voll von Erinnerungen

und mit ihr

im hiesigen Bett

verbrachte ich wieder

die erste weiße Nacht

im fremden Land.


 
deutsch
tiếng Việt

Traktat über eine Liebesgeschichte

Vor vielen Jahren

in dem Hörsaal 101

sahen wir uns zum ersten Mal

jung

fremd

in den Wolken der Zigaretten

und rauschendem Murmeln anderer Studenten

vor uns

malte der Professor mit dicken Brillengläsern

auf grüne Tafeln

jene seltsamen Zeichenkreise

der Erkenntnistheorie.

Wir begegneten uns

in Richtung Erkenntnis

und als ich,

als einzige Ausländerin in jenem Hörsaal

zurückschaute

sah ich wie zufällig

ein warmes Lächeln

auf deinem sanft leidenden Gesicht

seitdem

sehen wir uns öfters

in Hörsälen

in der Aula, und wo überall noch…

ab und zu

saßen wir zufällig nebeneinander

lasen dasselbe Buch

während der kurzen Pause

wussten wir allmählich

voneinander

wird du bist

und woher ich komme

noch sehr wenig

doch schon viel.

Wie kleine Bäche, die sich treffen

wie jene Buchstaben, die Worte, Sätze bilden

in dem Buch

das wir zusammen lasen

es war

„L’Etre et le Néant“,

das uns eines Nachmittags

in jenem Café

am Siegestor

ins tiefe Gespräch führte

ich merkte nichts um uns

außer jener besonderen Luft von Bayern

es war Föhn,

diese eigenartige Lichterscheinung

eine Mischung von durchsichtigem Sonnenschein

und nervenschmerzender Sehnsucht

du fragtest mich

was ich werden will

und du?

Da lächeltest du ängstlich

die Zukunft

zu ungewiss

du zweifeltest

ja, die Zukunft

sehr weit weg, man kann nichts vorhersehen

du nicht

ich auch nicht

wir waren noch sehr jung

noch auf dem langen Weg der Erkenntnistheorie.

Nun sitzen wir

mal wieder im Café

– in irgendeinem Studentencafé –

sie sind einander so ähnlich

Jahre sind verflossen

du hast gerade

die letzte Prüfung fürs Examen geschafft

deine Zukunft ist nun da

sichtbar im Licht

verdammt, dieser Cafégeruch!

Der Tee, der Lärm, die Menschen,

Bewegungen

Schatten um mich – beinahe die gleichen

auch der Sonnenschein im Fenster

jenes seltsam klare Licht

– in München gibt es Tage –

Föhntage – ewiggleich –

so dass du denkst

du wärest in der Vergangenheit

obwohl du in der Gegenwart sitzt.

Das Geheimnis deiner Zukunft

jenes unbekannte Gesicht,

das mich damals

unheimlich tief im Herzen rührte

enthüllt sich.

Nun weiß ich „es“.

Wir sind am Ende der Erkenntnistheorie

das Wissen – da!

In der kleinen Aula

sitze ich

Tag der Aushändigung der Zeugnisse

dieser Raum, diese Fenster –

Seelenaugen der Studentenzeit –

du kommst verspätet

– wie damals schließt du die Tür hinter dir

bewegst schnell den Kopf

suchend nach einem Platz

– bestimmt nicht nach mir wie damals-

denn wir sind längst getrennt.

Du kommst zu mir – diesmal so gleichgültig

wie zu einer Fremden

– unbeschreiblich fremd –

ich aber möchte heute

deine, auch meine, damalige Zukunft

mit eigenen Augen sehen,

die uns in jener Zeit

so leidenschaftlich bewegte,

diese junge Zeit

wird nun alt

die Zukunft, eine blasse Gegenwart

in deinen Augen

sehe ich

die Zerstreutheit einer neuen Zukunft

die mir so fern ist

dass ich nicht mehr hineinblicken kann.

Beim Abschied

sage ich dir – außergewöhnlich –

servus

in mir

spüre ich plötzlich

einen Augenblick

ewige Ruhe


 
deutsch
tiếng Việt

Warum diese Liebe

Warum

wolltest du mich

immer binden?

Warum

können wir uns

nicht lieben?

Wie zwei Menschen sich lieben

ohne Grenzen und Eigentum

so einfach lieben und liebsein

wie die Kinder des Olymp?

– launisch und ewig zugleich –

Aber

du willst unbedingt

mich binden

und schickst dann

unsere Liebe

zur Hölle.


 
deutsch
tiếng Việt

Widerspruch oder Identität

Seltsam

ich laufe weg

von dir

um dich

ganz und gar

zu vermissen

ich suche fern

woanders

um dich

in mir

wiederzufinden

und als ich dich

wiederfand

verliere ich dich

für immer.


 
deutsch
tiếng Việt

Die Drei-Groschen-Philosophie über die Liebe

Die Liebe eines Deutschen

ist wie ein herrlicher Teich,

in den du hineinspringst

und gleich die Kiesel am Hintern spürst,

die Liebe eines Vietnamesen

ist wie ein geheimnisvoller Fluss

in den du tief hineintauchst

und dich nie mehr herausfindest…


 
deutsch
tiếng Việt

Man hat dich ermordet aufgefunden

Ich weiß noch

vor Jahren

eines Abends

im heißen Juli

haben wir dich gefunden

auf der Treppe

in der Straße zu München.

Wie ein junger

winziger Vogel

zum ersten Mal

das Elternhaus verlassend

landest du

in Deutschland

voller Hoffnung

und Glauben

und Leidenschaft.

Heute sehe ich dich noch da sitzen

eine blutjunge Blüte

warm und fröhlich, hell und rein

auf den Schultern noch den Sonnenschein der Heimat

in den Augen strahlt der unendlich weite Himmel

wo du zu fliegen träumst

frei und unermüdlich

denn du hast viel Zeit

und Kraft und Glauben.

Du kommst nach Deutschland

zum Studieren.

Aber anstatt des Studiums

lernst du das „echte Leben“ kennen,

das Leben im Ausland

fern vom Elternhaus

weit weg von der Heimat

willst unbedingt die Freiheit genießen,

diese Freiheit – und was für eine Freiheit –

die Freiheit des Glühwürmchens

im Licht der Nachtlokale.

Du junges naives Mädchen

du lachst so gern

und lachst so schön

warum suchst du denn

nur das Lachen im Nachtlokal

bei Menschen, die dich lieber misshandeln

als dich lieben

wie oft bist du schon von ihnen betrogen worden

du kleines, gläubiges Wesen

das warmherzig und menschenfreundlich war

du glaubst, du kannst unter fremden Menschen leben

wie zu Hause

und zu Hause fühlst du dich so fremd wie in der Wüste?

Kennst du denn nicht, meine Kleine

das Vietnamesische Sprichwort:

Das Schicksal der Frauen ist wie

das der Regentropfen,

die fallen mal hier mal dort

mal auf tiefen Brunnen, mal auf segnendes Feld“?

Welcher So Khanh [2] führte dich zu diesem Leben

das leichtsinnige Leben im Ausland?

Warum willst du das Schicksal von Kieu [3]?

in diesem Jahrhundert

auf deine zarten Schultern übernehmen

eine Kieu spielen in dieser fremden Gesellschaft

wo keine Pagode vorhanden ist

in der deine zermürbte Seele

ab und zu Trost finden kann

wo kein Tien-Duong-Fluss [4]

inmitten deines treibenden Lebens

vorbeifließt,

wo einen Augenblick

dein ursprüngliches Herz sich wiederfinden kann

wo kein Lächeln einer Kuan-Yin [5] erscheint,

das dich vor Selbstzerstörung

aus dem Fluss herauszuholen vermag?

Da kannst du nur

einen Mörder für dich finden

ohne Rettung

bist du verloren

nackt auf dem Bett

„mit Wunden bist du ermordet aufgefunden“

Die Nachricht

deines grausamen Todes

durchläuft mich

wie ein Blitz

der mein Herz betäubt

und meine Seele ins Delirium verrückt

du bist also

ins fremde Land gekommen

um deinen Mörder zu finden

– wie absurd dieser Gedanke!

– um so brutaler ist dein Tod –

Wie konnte ich an jenem Abend

auf deinem hellen Gesicht

das Zeichen ahnen?

Du mein armes kleines Mädchen!


 
deutsch
tiếng Việt

Vietnamesisch

Ich wünsche mir

ich werde

eines Tages

all die deutschen Geliebten

meiner Jugend

einladen

und für jeden ein Gericht kochen,

das sie einmal gern aßen

– knackige Frühlingsrollen mit frischer Pfefferminz

– saftige Wammerl in braunem Karamel

– knuspriges Hähnchen in süßem Honig

dazu die herrliche „Nuocmam“[1]

und ein paar Tropfen saure Zitrone

und sehr scharfe Peperoni

und

mit unheimlicher Liebe

sagen

„Iss mein liebes Kind

mach mir die Freude

und iss gut“


 
deutsch
tiếng Việt

In Berlin

Am Spandauer Ufer

regnet es

im April

Es macht den Abschiednehmenden

die Augen feucht

morgen begleitet der Regen

die Reisenden übers Meer

und lässt

den Bleibenden

mit den verstummten Regentropfen

im See

vor Sehnsucht ertrinken.


 
deutsch
tiếng Việt

Zu Hause sein

die halbe Erdkugel

wundgelaufen

wieder daheim:

ein Fußbad

mit kühlem Regenwasser


 
deutsch
tiếng Việt

Morgenregen in Hue [7]

Am Fenster

singt

der Morgenregen

leise

auf

Bananenblättern

herwiegend.

Im alten Hof

fängt an

der verschreckte Vogel

tropfenrhythmisch der Rückkehrenden

zu erzählen

die Geschichte

des Daches

während

zehn Jahren

Abwesenheit.


 
deutsch
tiếng Việt

Großmutters Garten

Die Sekunde

unseres Wiedersehens:

Du stehst da

im Schatten der über uns fliegenden Wolken

schweigsam und ungerührt

du weigerst dich, mir zu zeigen

die lieblichen Züge aus alten Zeiten,

die stämmigen Bäume Logan, Lychee, Mango und Feigen

die mir am Dorftor immer säuselnd zuwinken

die wurden vor Jahren geschlagen

auch Maracuja, Pampelmusen, Ananas und Bananen

sind von Bomben zerstört und von Gift verdorben

nur noch Narben sehe ich

auf deinem braunen Körper

den ich damals so gern bekleidete

mit Palmen und Schirmen von Papaya

oder mit anderem Gartenlaub je nach der Jahreszeit.

zerrissen stehst du heute da

stumm und leer wie die über uns ziehenden Wolken

es bleibt nur noch die Spinne webend

deine nackte Haut mit Zikadenschalen bedeckend

auch sie will mir nicht verraten

den alten Eingang

längst von wilden Unkräutern spurlos vergraben,

wenn nicht

der vertraute Duft

jener versteckten winzigen Teeblüte

mir zeigt

den Weg zu unserer Kindheit.


 
deutsch
tiếng Việt

Mutters „Unkraut-Haar“ [8]

Dreizehn Jahre

Musstest du dich

der Mutterliebe

in der Ferne

Enthalten.

Heute suchst du

reisedurstgestillte Heimkehrende,

geduldiger als eh und je

im schattigen Hof

Mutters weiß – verkümmerte Unkraut-Haare

und bedauerst

auf einmal innigst

den Verlust

deines Lebens.


 
deutsch
tiếng Việt

Für meine Schwester

Der alte Spiegel

unserer Mädchenzeit

hängt noch

am selben Platz

unserer gemeinsamen Kammer

aber

darin

ist

für immer

dein sanftes Lächeln

nicht wiederzufinden


 
deutsch
tiếng Việt

Briefe aus der Heimat an einen deutschen Freund

Du fragst mich

was ich alles tun

seitdem ich wieder zu Hause bin…

Es regnet hier

jeden Tag

ein Monat ist verflossen

nun schaffe ich es endlich

morgens sehr früh aufzustehen

Mutter zuvorkommend

schleiche dann

zum Innenhof

um Feuer anzuzünden

mit nassem Holz

auf feuchter Tonerde

– es regnet alle – Dinge – ins – Wasser-

um so schwieriger ist es

für einen westlich gewordenen Menschen

das Feuer zu entfachen

um so mehr freue ich mich

wenn es entflammt, schön leuchtend in der Dämmerung.

Ich hole dann das Regenwasser

und fülle den Tonkessel

und warte auf sein erstes Summen

auf dem herrlichen Feuer

Da hocke ich im halben Schlummer

die kalten Hände zwischen den Beinen wärmend

und schaue mir sehr lange an

wie in aller Stille

das Haus den tosenden Regen erduldet

und genieße, was ich bei euch so vermisst habe,

DIE ZEIT.


 
deutsch
tiếng Việt

Zen-Seminar I

Gespräch:

Auf der Schneebrücke

dichten die Schneebälle

zu Worten

Nachtspaziergang:

Auch in der Winternacht

geht die Mondfrau

im Wasserfall

nackt baden

Winterbach:

Um nicht Eis zu werden

eilt der Bach emsig

an Schnee und Steinen vorbei

Koan: [11]

Am moosigen Ufer

ruht

der Schnee

jungfräulich

dem Leiden

des fließenden Baches

zuhörend.


 
deutsch
tiếng Việt

Zen-Seminar II

Die Kristallsonne

dieses eisigen Winters

macht reif

den vor einem Jahr erblühten Schneezweig

zu

Früchten

aus Diamanten.

Über ZEN

In dir

wird

die Einsamkeit

zur Heilsamkeit

Es ist

Non-

Zen

Meditation I

Im Donner und Blitz

erwacht

auf dem von Wellen zerrissenen

Lotusblatt

der wiedergeborene

Regentropfen

diamantenklar.

Meditation II

Es

berühren sich

im aufgeklärten Innern

des atembewussten Morgensees

hauch… weich

Berge und Menschen

zu

Stunden des Zazens

Zurück zum ZEN

Verdurstet von Wünschen

verdorben von Begierden

verkümmert von Menschen

verwundet und verrückt

von Illusionen

kehre ich zurück

zu dir

mit dir

eine Tasse Tee

zu

trinken.

Wiederkehr nach Deutschland

Als ich wegfuhr

sah ich noch

deine dunklen Augenbrauen

erfroren

versunken

verschwunden

hinter den Schneehügeln

bei der Wiederkehr

lächeln schon

die weißen Blüten

am Fenster

dem blauen Himmel entgegen.

Ein Haiku für Tuong Nhi

Die Reinheit des Schnees!

Kann ich sie aufheben

in der Hosentasche?

Regentag in der Pagode Truc Lam Hue

Auch der Hahn

fühlt

an diesem Regentag

nasse Füße!

Das wiedergefundene Kinderglück

Es ist Sommermittag

Ruhe herrscht

in den ermüdeten Unigebäuden.

Es pausiert

die philosophische Fakultät

samt ihren gewichtigen Persönlichkeiten.

Aus allen Fluren

ziehen Hirngespinste sich

wie Gespenster

in verfaulten Büchern zurück.

Das theoretische Gerede entfernt sich

Richtung Mensa.

Allein bleibt stehen

der neu verpflanzte junge Baum,

der einzige Fremdling im spekulativen Hof

vom sinnlichen Sonnenschein belebt

und vom streichelnden Wind beflügelt

lässt er seinen Kindkopf frei säuseln

die gesunden Schatten seines heiteren Laubes

mit den Lichttropfen necken und spielen

ein Licht-Schattenspiel,

das weder Unterschiede noch Grenzen weiß

weder Hochmut noch Demut

Wehmut noch Schwermut meint,

sondern einfach so ist

wie des Kindes Geist

an jenem fernen Sommertag

seines Geborenseins.

Verabredung

In der Vollmondnacht

trifft sich die „Isar“*

mit dem „Huong Giang“*

an der Kurve

der Träumerei.

* Der Hauptfluss in Muenchen

* Huong Giang: der Fluss der Düfte, Name des Hauptflusses in Hue, der alten Kaiserstadt von Vietnam

Herausgeber:

Deutsch-Asiatiches Begegnungszentrum e. V.

Reichenbacherstr. 33 – 8000 München 5

Copyright Kim Lan Thai

München, Juni 1989

Titelseite und Buchgestaltung: Giulio De Leo

[1] Nước mắm: vietnamesische Fischsauce, die fast alle Gerichte der vietnamesischen Küche begleitet.


[2] Sở Khanh: Name eines jungen Mannes in dem großartigsten Epos Vietnams „Đoạn trường tân thanh“ (Das Mädchen „Kieu“) von Nguyen Du, dem bedeutendsten Dichter der vietnamesischen klassischen Literatur im 19. Jahrhundert. So Khanh gilt in diesem Epos als der vietnamesischen Don Juan.

[3] Kiều oder Thúy Kiều: die Heldin des Epos „Thuy Kieu“, die sich einem falschen Kaufmann zur Konkubine verkaufen musste, um Ihren Vater vor der Gefängnisstrafe zu retten. Sie wurde danach dem Freudenhaus ausgeliefert und musste 15 Jahre das Schicksal einer Prostituierten erleiden.
[4] Tien-Duong: Name eines Flusses im Epos. An diesem Fluß wollte Kieu vor lauter Verzweifelung nach 15-jährigen Prostituierten-Leben Selbstmord verüben, nachdem sie sich ihres eigenen Lebensweges bewusst geworden war. Sie wurde von einer buddhistischen Nonne gerettet und in deren Pagode aufgenommen, bis sie ihre Familie und ihren treuen Geliebten wiedergefunden hatte.


[5] Kuan-Yin: weibliche Buddhafigur nach chinesischer und vietnamesischer buddhistischer Auffassung. Symbol der Barmherzigkeit und der Liebe.

[6] Lager: Unterkunftslager für vietnamesische Kontigent- Flüchtlinge.

[7] Hue: Die ehemalige Kaiserstadt von Vietnam.

[8] Unkraut-Haar: auf Vietnamesisch heißt es „toc sau“, d.h. diejenigen Haare, die nicht mehr länger zu wachsen vermögen, sie sind kraus, nicht seidig, verursachen oft Juckreiz und gelten als „Unkraut“ Es ist eine typisch vietnamesische (kosmetische) Sitte, daß die Muetter sich in den Mittagsstunden auf die Bambusbank legen, die Haare losbinden, von ihren jüngeren Töchtern die „Unkraut-Haare“ aussuchen und sie herausziehen lassen. Das Bild von Mutter und Tochter beim Beschäftigen mit dem zu Boden fallenden langen Haar gehört zum vietnamesischen Familienbild.


[9] Frühschoppen: Nach der asiatischen (vietnamesischen) Tradition ist der Wechsel der Jahreszeiten ein Anlass, Freunde einzuladen und Familienmitglieder zu einer kleinen Feier zu versammeln, um die neue Jahreszeit willkommen zu heißen und von der alten Abschied zu nehmen. Während der Feier wird oft ein Thema ausgesucht, das von jedem Teilnehmer in gereimter Form (Gedicht) oder in Melodie (Gesang) dargestellt wird.


[10] In der vietnamesischen Dichtung erscheint der Mond oft in der Gestalt einer schönen jungen Frau.

[11] Koan: Koan ist eine traditionelle Wendung des Zen-Meisters, um das Verständnis des Zen-Buddhismus bei Zen-Schülern zu beurteilen. Der Zen-Schüler muss lange über das Koan meditieren, bis er eine zufrieden- stellende Erklärung weiß. Ein Koan ist so etwas wie ein Problem, das der Zen-Meister seinen Schülern vorlegt. Das Dokument des Zens ist das, was jeder von uns bei seiner Geburt auf diese Welt mitbringt und zu entziffern versucht, bevor er stirbt.