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Heinrich Heine
Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland
 

Die Franzosen glaubten in der letzten Zeit zu einer
Verständnis Deutschlands zu gelangen, wenn sie sich
mit den Erzeugnissen unserer schönen Literatur bekannt machten. Hierdurch haben sie sich aber aus
dem Zustande gänzlicher Ignoranz nur erst zur Oberflächlichkeit erhoben. Denn die Erzeugnisse unserer
schönen Literatur bleiben für sie nur stumme Blumen, der ganze deutsche Gedanke bleibt für sie ein unwirtliches Rätsel, solange sie die Bedeutung der Religion
und der Philosophie in Deutschland nicht kennen.

Indem ich nun über diese beiden einige erläuternde
Auskunft zu erteilen suche, glaube ich ein nützliches
Werk zu unternehmen. Dieses ist für mich keine
leichte Aufgabe. Es gilt zunächst, die Ausdrücke einer
Schulsprache zu vermeiden, die den Franzosen gänz
lich unbekannt ist. Und doch habe ich weder die Subtilitäten der Theologie noch die der Metaphysik so tief
ergründet, daß ich imstande wäre, dergleichen nach
den Bedürfnissen des französischen Publikums ganz
einfach und ganz kurz zu formulieren. Ich werde
daher nur von den großen Fragen handeln, die in der
deutschen Gottesgelahrtheit und Weltweisheit zur
Sprache gekommen, ich werde nur ihre soziale Wichtigkeit beleuchten, und immer werde ich die
Beschränktheit meiner eigenen Verdeutlichungsmittel
und das Fassungsvermögen des französischen Lesers
berücksichtigen.

Große deutsche Philosophen, die etwa zufällig
einen Blick in diese Blätter werfen, werden vornehm
die Achseln zucken über den dürftigen Zuschnitt alles
dessen, was ich hier vorbringe. Aber sie mögen gefälligst bedenken, daß das wenige, was ich sage, ganz
klar und deutlich ausgedrückt ist, während ihre eignen
Werke zwar sehr gründlich, unermeßbar gründlich,
sehr tiefsinnig, stupend tiefsinnig, aber ebenso unverständlich sind. Was helfen dem Volke die verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat?
Das Volk hungert nach Wissen und dankt mir für das
Stückchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile.

Ich glaube, es ist nicht Talentlosigkeit, was die
meisten deutschen Gelehrten davon abhält, über Religion und Philosophie sich populär auszusprechen. Ich
glaube, es ist Scheu vor den Resultaten ihres eigenen
Denkens, die sie nicht wagen, dem Volke mitzuteilen.
Ich, ich habe nicht diese Scheu, denn ich bin kein Gelehrter, ich selber bin Volk. Ich bin kein Gelehrter,
ich gehöre nicht zu den siebenhundert Weisen
Deutschlands. Ich stehe mit dem großen Haufen vor
den Pforten ihrer Weisheit, und ist da irgendeine
Wahrheit durchgeschlüpft und ist diese Wahrheit bis
zu mir gelangt, dann ist sie weit genug: – ich schreibe
sie mit hübschen Buchstaben auf Papier und gebe sie
dem Setzer; der setzt sie in Blei und gibt sie dem
Drucker; dieser druckt sie, und sie gehört dann der
ganzen Welt.

Die Religion, deren wir uns in Deutschland erfreuen, ist das Christentum. Ich werde also zu erzählen
haben, was das Christentum ist, wie es römischer Katholizismus geworden, wie aus diesem der Protestantismus und aus dem Protestantismus die deutsche Philosophie hervorging.

Indem ich nun mit Besprechung der Religion beginne, bitte ich im voraus alle frommen Seelen, sich
beileibe nicht zu ängstigen. Fürchtet nichts, fromme
Seelen! Keine profanierende Scherze sollen euer Ohr
verletzen. Diese sind allenfalls noch nützlich in
Deutschland, wo es gilt, die Macht der Religion für
den Augenblick zu neutralisieren. Wir sind nämlich
dort in derselben Lage wie ihr vor der Revolution, als
das Christentum im untrennbarsten Bündnisse stand
mit dem alten Regime. Dieses konnte nicht zerstört
werden, solange noch jenes seinen Einfluß übte auf
die Menge. Voltaire mußte sein scharfes Gelächter erheben, ehe Sanson sein Beil fallen lassen konnte. Jedoch wie durch dieses Beil, so wurde auch durch
jenes Lachen im Grunde nichts bewiesen, sondern nur
bewirkt. Voltaire hat nur den Leib des Christentums
verletzen können. Alle seine Späße, die aus der
Kirchengeschichte geschöpft, alle seine Witze über
Dogmatik und Kultus, über die Bibel, dieses heiligste
Buch der Menschheit, über die Jungfrau Maria, diese
schönste Blume der Poesie, das ganze Diktionär philosophischer Pfeile, das er gegen Klerus und Priesterschaft losschoß, verletzte nur den sterblichen Leib des
Christentums, nicht dessen inneres Wesen, nicht dessen tieferen Geist, nicht dessen ewige Seele.

Denn das Christentum ist eine Idee und als solche
unzerstörbar und unsterblich wie jede Idee. Was ist
aber diese Idee?

Eben weil man diese Idee noch nicht klar begriffen
und Äußerlichkeiten für die Hauptsache gehalten hat,
gibt es noch keine Geschichte des Christentums. Zwei
entgegengesetzte Parteien schreiben die Kirchengeschichte und widersprechen sich beständig, doch die
eine, ebensowenig wie die andere, wird jemals bestimmt aussagen, was eigentlich jene Idee ist, die dem
Christentum als Mittelpunkt dient, die sich in dessen
Symbolik, im Dogma wie im Kultus, und in dessen
ganzer Geschichte zu offenbaren strebt und im wirklichen Leben der christlichen Völker manifestiert hat!
Weder Baronius, der katholische Kardinal, noch der
protestantische Hofrat Schröckh entdeckt uns, was eigentlich jene Idee war. Und wenn ihr alle Folianten
der Mansischen Konziliensammlung, des Assemanischen Kodex der Liturgien und die ganze Historia
ecclesiastica von Saccharelli durchblättert, werdet ihr
doch nicht einsehen, was eigentlich die Idee des Christentums war. Was seht ihr denn in den Historien der
orientalischen und der okzidentalischen Kirchen? In
jener, der orientalischen Kirchengeschichte, seht ihr
nichts als dogmatische Spitzfündigkeiten, wo sich die
altgriechische Sophistik wieder kundgibt; in dieser, in
der okzidentalischen Kirchengeschichte, seht ihr
nichts als disziplinarische, die kirchlichen Interessen
betreffende Zwiste, wobei die altrömische Rechtskasuistik und Regierungskunst, mit neuen Formeln und
Zwangsmitteln, sich wieder geltend machen. In der
Tat, wie man in Konstantinopel über den Logos stritt,
so stritt man in Rom über das Verhältnis der weltlichen zur geistlichen Macht; und wie etwa dort über
homousios, so befehdete man sich hier über Investitur. Aber die byzantinischen Fragen: ob der Logos
dem Gott-Vater homousios sei? ob Maria Gottgebärerin heißen soll oder Menschengebärerin? ob Christus
in Ermangelung der Speise hungern mußte oder nur
deswegen hungerte, weil er hungern wollte? alle diese
Fragen haben im Hintergrund lauter Hofintrigen,
deren Lösung davon abhängt, was in den Gemächern
des Sacri Palatii gezischelt und gekichert wird, ob z.
B. Eudoxia fällt oder Pulcheria; – denn diese Dame
haßt den Nestorius, den Verräter ihrer Liebeshändel,
jene haßt den Cyrillus, welchen Pulcheria beschützt,
alles bezieht sich zuletzt auf lauter Weiber- und Hämlingsgeklätsche, und im Dogma wird eigentlich der
Mann und im Manne eine Partei verfolgt oder befördert. Ebenso geht’s im Okzident; Rom wollte herr
schen; »als seine Legionen gefallen, schichte es Dogmen in die Provinzen«; alle Glaubenszwiste hatten römische Usurpationen zum Grunde; es galt, die Obergewalt des römischen Bischofs zu konsolidieren. Dieser war über eigentliche Glaubenspunkte immer sehr
nachsichtig, spie aber Feuer und Flamme, sobald die
Rechte der Kirche angegriffen wurden; er disputierte
nicht viel über die Personen in Christus, sondern über
die Konsequenzen der Isidorschen Dekretalen; er zentralisierte seine Gewalt durch kanonisches Recht, Einsetzung der Bischöfe, Herabwürdigung der fürstlichen
Macht, Mönchsorden, Zölibat usw. Aber war dieses
das Christentum? Offenbart sich uns aus der Lektüre
dieser Geschichten die Idee des Christentums? Was
ist diese Idee?

Wie sich diese Idee historisch gebildet und in der
Erscheinungswelt manifestiert, ließe sich wohl schon
in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt entdecken, wenn wir namentlich in der Geschichte der
Manichäer und der Gnostiker vorurteilsfrei nachforschen. Obgleich erstere verketzert und letztere verschrien sind und die Kirche sie verdammt hat, so erhielt sich doch ihr Einfluß auf das Dogma, aus ihrer
Symbolik entwickelte sich die katholische Kunst, und
ihre Denkweise durchdrang das ganze Leben der
christlichen Völker. Die Manichäer sind ihrer letzten
Gründe nach nicht sehr verschieden von den Gnostikern. Die Lehre von den beiden Prinzipien, dem guten
und dem bösen, die sich bekämpfen, ist beiden eigen.
Die einen, die Manichäer, erhielten diese Lehre aus
der altpersischen Religion, wo Ormuz, das Licht, dem
Ariman, der Finsternis, feindlich entgegengesetzt ist.
Die anderen, die eigentlichen Gnostiker, glaubten
vielmehr an die Präexistenz des guten Prinzips und
erklärten die Entstehung des bösen Prinzips durch
Emanation, durch Generationen von Äonen, die, je
mehr sie von ihrem Ursprung entfernt sind, sich desto
trüber verschlechtert. Nach Cerinthus war der Erschaffer unserer Welt keineswegs der höchste Gott,
sondern nur eine Emanation desselben, einer von den
Äonen, der eigentliche Demiurgos, der allmählich
ausgeartet ist und jetzt, als böses Prinzip, dem aus
dem höchsten Gott unmittelbar entsprungenen Logos,
dem guten Prinzip, feindselig gegenüberstehe. Diese
gnostische Weltansicht ist urindisch, und sie führte
mit sich die Lehre von der Inkarnation Gottes, von der
Abtötung des Fleisches, vom geistigen Insichselbstversenken, sie gebar das asketisch beschauliche
Mönchsleben, welches die reinste Blüte der christlichen Idee. Diese Idee hat sich in der Dogmatik nur
sehr verworren und im Kultus nur sehr trübe aussprechen können. Doch sehen wir überall die Lehre von
den beiden Prinzipien hervortreten; dem guten Christus steht der böse Satan entgegen; die Welt des Geistes wird durch Christus, die Welt der Materie durch
Satan repräsentiert; jenem gehört unsere Seele, diesem unser Leib; und die ganze Erscheinungswelt, die
Natur, ist demnach ursprünglich böse, und Satan, der
Fürst der Finsternis, will uns damit ins Verderben
locken, und es gilt, allen sinnlichen Freuden des Lebens zu entsagen, unsern Leib, das Lehn Satans, zu
peinigen, damit die Seele sich desto herrlicher emporschwinge in den lichten Himmel, in das strahlende
Reich Christi.

Diese Weltansicht, die eigentliche Idee des Christentums, hatte sich, unglaublich schnell, über das
ganze römische Reich verbreitet, wie eine ansteckende Krankheit, das ganze Mittelalter hindurch dauerten
die Leiden, manchmal Fieberwut, manchmal Abspannung, und wir Modernen fühlen noch immer Krämpfe
und Schwäche in den Gliedern. Ist auch mancher von
uns schon genesen, so kann er doch der allgemeinen
Lazarettluft nicht entrinnen, und er fühlt sich unglücklich als der einzig Gesunde unter lauter Siechen.
Einst, wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit
wiedererlangt, wenn der Friede zwischen Leib und
Seele wiederhergestellt und sie wieder in
ursprünglicher Harmonie sich durchdringen, dann
wird man den künstlichen Hader, den das Christentum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen können. Die glücklichern und schöneren Generationen,
die, gezeugt durch freie Wahlumarmung, in einer Religion der Freude emporblühen, werden wehmütig lächeln über ihre armen Vorfahren, die sich aller Genüsse dieser schönen Erde trübsinnig enthielten und,
durch Abtötung der warmen farbigen Sinnlichkeit,
fast zu kalten Gespenstern verblichen sind! Ja, ich
sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher sein als wir. Denn ich glaube an
den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur
Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine größere Meinung von der Gottheit als jene frommen
Leute, die da wähnen, er habe den Menschen nur zum
Leiden erschaffen. Schon hier auf Erden möchte ich,
durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen, jene Seligkeit etablieren, die, nach
der Meinung der Frommen, erst am Jüngsten Tage, im
Himmel, stattfinden soll. Jenes ist vielleicht ebenso
wie dieses eine törichte Hoffnung, und es gibt keine
Auferstehung der Menschheit, weder im politisch-moralischen noch im apostolisch-katholischen Sinne.

Die Menschheit ist vielleicht zu ewigem Elend bestimmt, die Völker sind vielleicht auf ewig verdammt,
von Despoten zertreten, von den Spießgesellen
derselben exploitiert und von den Lakaien verhöhnt
zu werden.

Ach, in diesem Falle müßte man das Christentum,
selbst wenn man es als Irrtum erkannt, dennoch zu erhalten suchen, man müßte in der Mönchskutte und
barfuß durch Europa laufen und die Nichtigkeit aller
irdischen Güter und Entsagung predigen und den gegeißelten und verspotteten Menschen das tröstende
Kruzifix vorhalten und ihnen nach dem Tode, dort
oben, alle sieben Himmel versprechen.

Vielleicht eben weil die Großen dieser Erde ihrer
Obermacht gewiß sind und im Herzen beschlossen
haben, sie ewig zu unserem Unglück zu mißbrauchen,
sind sie von der Notwendigkeit des Christentums für
ihre Völker überzeugt, und es ist im Grunde ein zartes
Menschlichkeitsgefühl, daß sie sich für die Erhaltung
dieser Religion so viele Mühe geben!

Das endliche Schicksal des Christentums ist also
davon abhängig, ob wir dessen noch bedürfen. Diese
Religion war eine Wohltat für die leidende Menschheit während achtzehn Jahrhunderten, sie war providentiell, göttlich, heilig. Alles, was sie der Zivilisation genützt, indem sie die Starken zähmte und die
Zahmen stärkte, die Völker verband durch gleiches
Gefühl und gleiche Sprache, und was sonst noch von
ihren Apologeten hervorgerühmt wird, das ist sogar
noch unbedeutend in Vergleichung mit jener großen
Tröstung, die sie durch sich selbst den Menschen angedeihen lassen. Ewiger Ruhm gebührt dem Symbol
jenes leidenden Gottes, des Heilands mit der Dornenkrone, des gekreuzigten Christus, dessen Blut gleichsam der lindernde Balsam war, der in die Wunden der
Menschheit herabrann. Besonders der Dichter wird
die schauerliche Erhabenheit dieses Symbols mit Ehrfurcht anerkennen. Das ganze System von Symbolen,
die sich ausgesprochen in der Kunst und im Leben
des Mittelalters, wird zu allen Zeiten die Bewunderung der Dichter erregen. In der Tat, welche kolossale
Konsequenz in der christlichen Kunst, namentlich in
der Architektur! Diese gotischen Dome, wie stehen
sie im Einklang mit dem Kultus, und wie offenbart
sich in ihnen die Idee der Kirche selber! Alles strebt
da empor, alles transsubstanziiert sich: der Stein
sproßt aus in Ästen und Laubwerk und wird Baum;
die Frucht des Weinstocks und der Ähre wird Blut
und Fleisch; der Mensch wird Gott; Gott wird reiner
Geist! Ein ergiebiger, unversiegbar kostbarer Stoff für
die Dichter ist das christliche Leben im Mittelalter.
Nur durch das Christentum konnten auf dieser Erde
sich Zustände bilden, die so kecke Kontraste, so bunte
Schmerzen und so abenteuerliche Schönheiten enthalten, daß man meinen sollte, dergleichen habe niemals
in der Wirklichkeit existiert und das alles sei ein kolossaler Fiebertraum, es sei der Fiebertraum eines
wahnsinnigen Gottes. Die Natur selber schien sich
damals phantastisch zu vermummen; indessen, obgleich der Mensch, befangen in abstrakten Grübeleien, sich verdrießlich von ihr abwendete, so weckte sie
ihn doch manchmal mit einer Stimme, die so schauerlich süß, so entsetzlich liebevoll, so zaubergewaltig
war, daß der Mensch unwillkürlich aufhorchte und lächelte und erschrak und gar zu Tode erkrankte. Die
Geschichte von der Baseler Nachtigall kommt mir
hier ins Gedächtnis, und da ihr sie wahrscheinlich
nicht kennt, so will ich sie erzählen […]

 
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