Patrick Raszelenberg
Der Beitrag von Nguyễn Hữu Liêm, “Cái âm điệu tủi thân, bi đát“, kann nicht unwidersprochen bleiben. Der folgende Absatz ist schlichtweg skandalös:
“Cũng một bài hát đó, của Trịnh Công Sơn chẳng hạn, nhưng khi Khánh Ly hát lên thì nó trở thành mê muội, lạc lõng. Cái giọng lè nhè của Khánh Ly không được cân bằng với một âm sức cao và mạnh để cứu lấy âm điệu cho toàn thể âm cảnh đã làm cho bản nhạc trở nên một sự đày đọa cho người nghe. Không ai phá nát nhạc Trịnh Công Sơn và làm mất âm hưởng của chúng hơn là Khánh Ly.”
Ich gebe offen zu, daß es gerade diese Mischung Trịnh Công Sơns interessanter Texte und Khánh Lys schwermütiger Stimme war, die mir ursprünglich Zugang zur vietnamesischen Populärmusik verschafft hat. Erst danach war ich in der Lage, mich ernsthaft mit Chế Linh, Phạm Duy usw. usf. zu befassen. Khánh Ly zu hören, war wie eine Erleichterung – endlich mal nicht dieses sinnlose Gebrabbel schwachmatischer Unterhaltungsmusik, sondern aussagekräftige Sätze, die gerade nicht ‚stark’, energiegeladen oder gar ‚freudig’ vorgetragen wurden.
Natürlich kann ich Liêm bereits auf rein emotionaler Ebene nicht folgen, da ich vorbelastet bin. Sich jedoch ernsthaft mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen, ist schon deshalb nicht einfach, weil er nicht immer klar argumentiert:
“Từ khi nhà Nguyễn thẩm nhập cái âm nhạc mất nước của dân tộc Chàm bằng những lời ca Huế thì triều đại này chỉ còn đi xuống dốc. Nghe nhạc Huế thì chỉ còn có muốn nhảy xuống sông Hương mà tự vận…”
Eine derartige Verbindung zwischen Musik und Politik herzustellen, ist schlichtweg unsinnig. Genausogut könnte man behaupten, die Kompositionen Elliott Carters verwiesen auf einen Zustand geistiger Umnachtung in den Vereinigten Staaten, oder Brahms’ letzte Klavierstücke reflektierten den nahenden Untergang des Zweiten Deutschen Reiches. Während Carter nur ein Beispiel für die Vielseitigkeit der Kreativität in der Gegenwartsklassik ist, schrieb Brahms seine melancholischen, von ihm selbst als ‚Wiegenlieder meiner Seele’ bezeichneten Stücke während der Hochphase der imperialen Ausdehnung des Zweiten Reichs.
Im Zusammenhang mit der Behauptung, Musik reflektiere kollektive Zusatände, fällt der interessante Satz, “âm thanh là logos của tâm thức”. Tatsächlich ist es genau umgekehrt, denn erst das künstlerische Bewußtsein, welches verschiedenartige unbewußte Zustände sowohl des Künstlers als auch seiner Umgebung reflektiert, ordnet das Kunstwerk entsprechend rationalen oder bewußt irrationalen Organisationsprinzipien. Das regulierende Prinzip künstlerischer Gestaltung, hier fälschlicherweise als ‚logos’ bezeichnet, steht vor dem musikalischen Endprodukt. Verehrter Nguyễn Hữu Liêm, ich empfehle die Lektüre der griechischen Klassiker vor der prätentiösen Benutzung offenbar schwerverdaulicher Begriffe wie ‚logos’: Während die populistische Rezeption von ‚logos’ als weltumspannender Kraft oder der Fähigkeit, einfache Behauptungen zu einsichtigen Folgerungen werden zu lassen, spricht, handelt es sich um einen durchaus unterschiedlich eingesetzten Begriff, der z.B. bei Aristoteles in der Regel als schlichte ‚Definition’ auftaucht (z.B. in der ‚Metaphysik’) oder bei Platon für ‚Aussage’ steht. Wenn überhaupt, ist das rationale, organisierende Prinzip – hier als ‚logos’ bezeichnet – etwas, was zum Klang führt. Und nicht umgekehrt. Klang ist kein ‚logos’, weil der hier besprochene Klang bereits menschlich geschaffen ist und keine Naturlaute darstellt. Irgendwelche sirenenartigen Geräusche in der Wüste könnte man vielleicht in esoterischer Durchgeknalltheit als die Stimme des Weltalls verklären, doch menschlich komponierter Klang ist bereits das Ergebnis bewußter Komposition. Es kommt aber noch besser:
Die Verbindung zwischen Musik und Politik, wie sie Liêm u.a. im folgenden Absatz herstellt, ist schlicht und ergreifend idiotisch.
“….từ khi bị nhiễm lấy cái vi khuẫn của loại nhạc “mất hồn” của dân Chàm thì chỉ cần một thời gian ngắn là cả hệ thống chính trị Việt Nam bị suy đồi từ tri thức cho đến ý chí, từ tình cảm cho đến nghệ thuật. Chuyện mất nước là kết quả đương nhiên.”
Ich habe den Satz mindestens zwanzigmal gelesen, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Ehrlich gesagt, ich finde es gar nicht so einfach, derartigen Schwachsinn zu schreiben.
Zur Verdeutlichung: Der Niedergang des politischen Verwaltungsapparats Vietnams liege letztlich in der Infizierung mit Cham-Musik begründet? Kurz nach dieser Ansteckung habe der Niedergang eingesetzt. Obwohl Liêm es nicht sagt, erlaubt der Text keinen anderen Schluß als einen kausalen Nexus zwischen dieser Infizierung und dem Niedergang. Andere Gründe werden nicht genannt. Der politische Verwaltungsapparat – nicht das System, sondern der gesamte politische Apparat – habe sich auf der gesamten Linie im Niedergang befunden, “vom Gefühl bis zur Kunst” (sic). Der Verlust der staatlichen Souveränität sei das ‚natürliche Ergebnis’ (“kết quả đương nhiên”).
Talawas hätte den Text gern für Rosenmontag aufgehoben. Ist leider noch zu lange hin.
© 2003 talawas