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Auf der Suche nach dem Nichtexistenten
Der Film "Cua roi" von Vuong Duc auf der Berlinale 2003
 

Im Jahr 2001 machte die Sektion “Internationales Forum des Jungen Films” der Berliner Filmfestspiele das Neue Vietnamesische Kino zu seinem Themenschwerpunkt. Damals präsentierte man Filme wie “Doi Cat” von Nguyen Thanh Van oder “Ben Kong Chong” von Luu Trong Ninh, die bei Kritik und Publikum positive Resonanz fanden und zeigten, dass ein kleines Budget kein Mangel an Qualität bedeuten muss. In der selben Sektion wurde bei der diesjährigen Berlinale ein weiterer Vietnamesischer Film gespielt, “Cua roi” von Vuong Duc. Den Titel übersetzte man englisch “Missing object” – als noch verloren und deutsch “Fundsache” – als bereits gefunden.

Ein Suchruf richtet sich allabendlich über die Fernsehbildschirme an die Bewohner Hanois. Gefunden wurde angeblich eine Geldbörse und wartet nun, zwecks Abholung, auf ihren rechtmäßigen Besitzer. Der 32-jährige Mathematiker THANG wird als Finder angegeben.

Thang aber hat den TV-Aufruf nicht angeordnet, geschweige denn überhaupt ein Geldbörse gefunden. Erst nach einer Weile wird klar, dass eine junge hübsche Frau aus reichem Hause Urheberin der Nachricht ist. Sie hegt Sympathien für Thang und will ihn vielleicht auf diese Weise testen. Deshalb verfolgt sie ihn mit dem Fahrrad und beobachtet Thang heimlich, wenn er sich regelmäßig mit Menschen rumärgern muss, die sich als Besitzer der Geldbörse ausgeben, um sie ihm abzuluchsen.

Die junge Frau aber ist bereits mit Thangs Freund, einem Funktionärs-Sohn liiert, der sie zur Heirat drängen will. Auch ihr Vater pocht auf den Ehebund, weil er den Sohn des Funktionärs für eine gute Partie hält. Schließlich fährt der dunkle Limousinen, telefoniert mit Handy, ist gewandet in möglicherweise maßgeschneiderte Anzüge und geht in einem der neuen Hanoier Hochhäuser wichtigen Geschäften nach.

Eine Dreieckskonstellation kristallisiert sich heraus: Die junge Frau zwischen dem idealistischen Professor und dem arroganten Funktionärssohn. Die junge Frau scheint mehr am tugendhaften Professor interessiert, als am eloquenten Frauenschwarm. Sie verabredet sich mit Thang. Doch der zerstreute Professor nimmt ihre Annäherungsversuche nicht wahr. Genauso wenig kann er sich an der überbordernden Sympathie erfreuen, die ihm seine Schüler entgegenbringen, die in ihrer slapstick-artigen Überdrehtheit einer kantonesischen Komödie entsprungen zu sein scheinen. Probleme belasten den Jungakademiker: Da ist ein hochrangiger Funktionär, der seine Macht missbraucht und ihm das Leben beruflich schwer macht. Da ist eine ehemalige Schülerin, für die er sich als Vater ihres unehelichen Kindes ausgab, um sie vor gesellschaftlicher Schmach zu retten. Deshalb schaut Thang zu viel ins Schnaps-Glas und wandelt derart planlos durch seine ärmliche Szenerie, dass es einem schwer fällt ihn ins Herz zu schließen. Er hat keine Zukunftsidee und die orakelhaften Worte seines Vaters geben auch keine zwingende Richtung vor.

Die Konfusion von Thang deckt sich durchaus mit der des Zuschauers. Wirtschaftskrimi, Unikomödie, Liebesdrama… – Viele Genres, viele Themen werden bedient und vermischen sich zu einer unzugänglichen Collage. Mut kann man den Machern des Films attestieren, weil sie moderne Themen nicht aussparen. Auffällig ist das fast völlige Fehlen von Figuren aus dem Volk, den einfachen arbeitenden Menschen. Die Filmemacher wollen vom neuen Vietnam erzählen, vom Wandel der Systeme, von der Distanz zwischen den Generationen. Sozialkritik scheint durch, wenn man die Arbeit der Kinder in einer Garküche beachtet, während die Reichen sich in luxuriös anmutenden Interieurs, oder mit russischen Bardamen vergnügen. Doch die Szenerie wirkt wie eine Kopfgeburt, der es an Authentizität fehlt, wenn die Arbeitskraft in einem Hochhaus-Büro derart entfesselt auf den immergleichen Tasten tippt, dass man ihn zum ersten Mal an einer Computer-Tastatur vermutet.

Die zahlreichen Episoden formen sich leider nicht zu einer schlüssigen Geschichte und das Ende des Films wird zum Sinnbild der Rätselhaftigkeit für die Motivationen der Schlüssel-Figuren des Films. Die drei jungen Protagonisten kommen an einen verabredeten Treffpunkt, um vielleicht etwas Klarheit in die Beweggründe ihres Verhaltens zu bringen. Doch sie verpassen einander und lassen uns ratlos zurück.

21.5.2003

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