John von Düffel
Armes Mallorca! Jahr für Jahr zur Urlaubszeit fallen deutsche Horden über die Baleareninsel und ihre Sangriavorräte her. Nächtens ertönen auf den Promenaden Gesänge wie von Schlachtenbummlern nach einem Auswärtssieg. Das Grauen hat einen Namen: Die Deutschen kommen! Und jetzt auch noch ich.
Auf der Suche nach den Klischees steige ich in Hamburg mit einem Last-Minute-Ticket in den Flieger, aus purer Lust an der Perversion und mit der Sehnsucht nach ein bisschen Sonne. Doch das Wetter ist auch nicht mehr das, was es mal war, belehren mich Mallorca-Experten schon beim Boarding, „die Vorsaison – eine Katastrophe“. Dann ärgern sie sich übergangslos weiter über Urlaubssteuer, Busfahrerstreiks und die Insel als Großbaustelle. „Und die Wassertemperatur?“, erkunde ich mich zaghaft. -„Ach, hören Sie auf!“, winkt man vielhändig ab. Offenbar gleicht sich das Klima im Ferienparadies dem meteorologischen Elend der Norddeutschen Tiefebene an.
Die Stimmung im Charterflugzeug ist gedrückt – Sorgen um den sauer verdienten Platz an der Sonne statt teutonischer Ausgelassenheit. Bei der Landung in Palma staune ich über die Effektivität, mit der die Urlauberströme hier abgefertigt werden. Bis hin zum Mietwagen im Parkdeck ist alles so durchorganisiert wie die Montagestrecke eines VW-Werks. Das Flughafenpersonal schaltet problemlos zwischen mehreren Sprachen hin und her. Ich bemühe mich, Englisch zu sprechen, und lasse gelegentlich ein paar Brocken Restaurantitalienisch einfließen, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass ich mich im Ausland befinde und nicht in einer Art siebzehnten Bundesland. Doch wie sich herausstellt, komme ich hier mit Hochdeutsch besser als etwa in Bayern.
Mein Hotel ist das Moon Port in Port d’Andratz, eine neue, komfortable Ferienanlage mit terrassenförmigen Pools, großzügigen Zimmern, Fitnessraum, Sauna und Massagebereich. Gut 120 Feriengäste haben hier Platz. Wir sind schätzungsweise zu zehnt. Mit allem habe ich auf Mallorca gerechnet, nur nicht mit Einsamkeit. Ich reiche der freundlichen Empfangsdame meinen deutschen Pass und erkundige mich auf Englisch nach dem Badestrand. Sie antwortet mir mit ihrem herzzerreißenden „th“, bevor sie am Telefon munter weiterschwäbelt.
Einem Anflug von Herdentrieb folgend, verfüge ich mich an den Strand von Camp de Mar: Wo steckt er bloß, der klassische Mallorcadeutsche mit Nationalmannschaftstrikot und Bier in der Birne? Ringsum ein entvölkertes Stühlenmeer. Nur an der Strandbar, wie übrig geblieben, sitzen zwei halbwegs bezechte Pärchen aus Oldenburg. Laut und lustig kippen sie die Menschenleere weg, aber die Kellnerin flüchtet nicht, sondern umgarnt diese Restdeutschen geradezu mit Anhänglichkeit einer verschmähten Geliebten. Ich möchte zahlen und krame anstandshalber die südländischsten Vokabeln hervor, die mein Gedächtnis zu bieten hat: „Il conto, per favore!“ – Doch die Bedienung hält sich weiter an meine lärmenden Landsleute. Nicht dass die Deutschen kommen, sondern dass sie ausbleiben, ist der wahrscheinliche mallorquinische Alptraum.