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Umberto Eco
Leidenschaft und Vernunft
 

Alle Religionskriege, die jahrhundertelang die Welt mit Blut
getränkt haben, sind aus dem leidenschaftlichen Festhalten an
vereinfachenden Gegensätzen entstanden, wie etwa Wir und die Anderen, Gut
und Böse, Weiß und Schwarz. Wenn die westliche Kultur sich als fruchtbar
erwiesen hat, so auch deshalb, weil man im Licht der Untersuchungen und
des kritischen Geistes gezwungen wurde, sich von den schädlichen
Vereinfachungen zu “befreien”. Natürlich hat sie es nicht immer so
gehalten, weil zur Geschichte der westlichen Kultur auch Hitler gehört,
der die Bücher verbrannte, die “entartete Kunst” verdammte und die
Angehörigen “minderwertiger Rassen” umbrachte.
Es sind aber die besten
Aspekte unserer Kultur, die wir mit den jungen Menschen aller Hautfarben
diskutieren müssen, wenn wir verhüten wollen, dass auch in jenen Tagen,
die sie nach uns leben werden, neue Türme einstürzen.
Was oft
Verwirrung schafft, ist die Tatsache, dass verschiedene Dinge nicht
auseinander gehalten werden: die Identifikation mit den eigenen Wurzeln;
das Verstehen dessen, der andere Wurzeln hat; das Urteil darüber, was gut
und was schlecht ist.
Zu den Wurzeln so viel: Würde man mich fragen,
ob ich meine Zeit als Rentner lieber in einem kleinen Dorf im Monferrato (
Hügelland in Piemont, A. d. Ü.), in der majestätischen Bergwelt des
Abruzzen-Nationalparks oder in den sanften Hügeln Sienas verbringen
möchte, so würde ich mich für das Monferrato entscheiden. Dies aber
bedeutet noch lange nicht, dass ich die anderen italienischen Gegenden als
dem Piemont unterlegen bewerte.
Wenn daher unser Ministerpräsident mit
seinen Worten (für die Menschen im Westen gesprochen und nicht etwa an die
Araber gerichtet) ausdrücken wollte, dass er lieber in der Nähe von
Mailand als in Kabul leben und sich lieber in einem Mailänder als in einem
Bagdader Krankenhaus behandeln lassen würde, so bin ich bereit, seine
Meinung zu unterschreiben. Und dies sogar dann, wenn man mir sagte, dass
man in Bagdad über das am besten ausgestattete Krankenhaus der Welt
verfüge: In Mailand wäre ich zu Hause, und dies würde auch meine
Heilungskräfte beflügeln. Die Wurzeln können auch über die rein regionalen
oder nationalen Wurzeln hinausreichen. Ich würde, um ein Beispiel zu
nennen, lieber in Limoges als in Moskau leben. Wieso das, ist Moskau denn
etwa keine wunderschöne Stadt? Gewiss doch, aber in Limoges würde ich die
Sprache verstehen.
Jeder identifiziert sich also mit der Kultur, in
der er aufgewachsen ist, und die Fälle von Wurzelverpflanzungen, die es
auch gibt, sind in der Minderzahl. Lawrence von Arabien kleidete sich
genau wie ein Araber, aber letzten Endes ist er nach Hause gezogen.


Beschäftigen wir uns jetzt mit dem Gegensatz der Zivilisationen,
weil es um diesen Punkt geht. Der Westen, wenn auch nur und häufig aus
Gründen der wirtschaftlichen Expansion, ist auf die anderen Zivilisationen
neugierig gewesen. Häufig hat er sie verächtlich abgetan: Die Griechen
bezeichneten diejenigen als Barbaren, das heißt also als Stotterer, die
nicht die griechische Sprache beherrschten, und daher war es, als ob sie
überhaupt nicht sprechen könnten.
Aber reifere Griechen, wie die
Stoiker (vielleicht weil einige unter ihnen phönizischen Ursprungs waren),
haben bald darauf bemerkt, dass die Barbaren eine andere als die
griechische Sprache benutzten, sich aber auf dieselben Gedanken bezogen.
Marco Polo hat versucht, die Sitten und Bekleidung der Chinesen mit großem
Respekt zu beschreiben; die großen Kirchenlehrer der christlichen
Theologie des Mittelalters haben sich darum bemüht, sich die Texte der
arabischen Philosophen, Medici und Astrologen übersetzen zu lassen; die
Männer der Renaissance haben sogar in ihren Bemühungen übertrieben,
verloren gegangene Weisheiten der Orientalen, von den Chaldäern bis zu den
Ägyptern, aufzuspüren; Montesquieu hat sich vorzustellen versucht, wie
wohl ein Perser die Franzosen verstehen würde; und die modernen
Anthropologen haben sich als erstes Forschungsobjekt die Salesianer
ausgesucht, die zwar zu den Bororo gingen, um sie – nach Möglichkeit – zu
bekehren, aber auch um zu verstehen, wie sie dachten und lebten.
Ich
habe die Anthropologen erwähnt und sage nichts Neues, wenn ich daran
erinnere, dass sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die
Kulturanthropologie als Versuch entwickelt hat, die Gewissensbisse des
Westens angesichts der Anderen zu besänftigen – besonders angesichts jener
Anderen, bei denen es sich um definitiv Wilde, Gesellschaften ohne
Geschichte und primitive Völker handelte.
Der Westen ist mit den
Wilden nicht gerade zartfühlend umgegangen: Er hat sie “entdeckt”, sie zu
bekehren versucht, sie ausgebeutet und viele von ihnen auch mit Hilfe der
Araber in die Sklaverei gebracht, denn die Sklaven, die in New Orleans von
gepflegten Edelleuten französischen Ursprungs entladen wurden, waren an
den afrikanischen Küsten von muselmanischen Händlern verschifft worden.
Die Aufgabe der Kulturanthropologie bestand darin aufzuzeigen, dass
Logiken existierten, die von der westlichen Logik verschieden und ernst zu
nehmen, nicht aber zu verachten und zu unterdrücken waren.
Dies hatte
nicht zu bedeuten, dass die Anthropologen, nachdem sie einmal die Logik
der Anderen erklärt hatten, beschlossen haben, wie diese zu leben; daher
kehrten sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nach Beendigung ihrer
langjährigen Feldarbeit in Übersee nach Devonshire oder in die Picardie
zurück, um dort einen unbeschwerten Lebensabend zu genießen. Liest man
jedoch ihre Bücher, so könnte man zu dem Schluss kommen, die
Kulturanthropologie nehme eine relativistische Position ein und behaupte,
eine Kultur sei so gut wie eine andere. Das scheint mir nicht so zu sein.
Höchstens sagt der Anthropologe uns, dass man ihre Lebensweise
respektieren müsse, jedenfalls so lange, wie die Anderen zu Hause bleiben.


Die eigentliche Lektion, die man aus der Kulturanthropologie
lernen muss, ist viel eher, dass man sich auf Parameter einigen muss, wenn
man sagen will, dass eine Kultur einer anderen überlegen sei.
Eine
Sache ist es zu sagen, was eine Kultur ist, und eine andere Sache, auf
Grund welcher Parameter wir sie beurteilen. Eine Kultur kann auf objektive
Weise beschrieben werden: Diese Personen verhalten sich so, glauben an
Geister oder an einen einzigen Gott, der allein die ganze Natur erfüllt,
leben nach diesen oder jenen Regeln in Familienverbänden, halten es für
schön, sich die Nase mit Ringen zu perforieren (dies könnte eine
Beschreibung der Jugendkultur im Westen sein), halten Schweinefleisch für
unrein, lassen sich beschneiden, ziehen Hunde groß, um sie an Festtagen in
den Kochtopf zu geben, oder – wie noch die Amerikaner über die Franzosen
sagen – essen Frösche.
Eine andere Sache sind die Parameter der
Beurteilung. Sie hängen von unseren Wurzeln ab, von unseren Präferenzen,
unseren Gewohnheiten, unseren Leidenschaften, unserem Wertesystem.

Nehmen wir ein Beispiel. Halten wir die Verlängerung der menschlichen
Lebensdauer von durchschnittlich 40 auf 80 Jahre für einen Wert? Ich
persönlich bin davon überzeugt, aber Mystiker könnten mir entgegenhalten,
dass zwischen einem Schlemmer, der 80, und dem Heiligen Luigi Gonzaga, der
nur 23 Jahre alt wurde, der Letztere ein erfüllteres Leben gehabt habe.
Aber nehmen wir einmal an, die Verlängerung der Lebensdauer sei ein Wert
an sich: Wenn dem so ist, so sind die westliche Medizin und Wissenschaft
gewiss vielen anderen Wissensformen und medizinischen Praktiken überlegen.

Glauben wir, dass die technologische Entwicklung, die Expansion des
Handels, die Geschwindigkeit der Transporte Werte an sich sind? Viele sind
davon überzeugt und haben das Recht, unsere technische Zivilisation für
überlegen zu halten.
Aber innerhalb der westlichen Welt gibt es eben
jene, die einem Leben in Harmonie mit einer unzerstörten Umwelt einen
höheren Wert beimessen und daher bereit sind, auf Flugreisen, Autos und
Kühlschränke zu verzichten, um Körbe zu flechten und zu Fuß ins Dorf zu
gehen, nur um kein Ozonloch zu haben.
Und daher sehen Sie, dass – will
man eine Kultur als der anderen überlegen definieren – es nicht genügt,
sie zu beschreiben (wie der Anthropologe dies tut), sondern man sich auf
ein Wertesystem berufen muss, das wir für unverzichtbar halten. Nur in
diesem Punkt können wir sagen, dass unsere Kultur, für uns, besser ist.


Die Verfechter des Dialogs fordern von uns Respekt vor der
islamischen Welt und erinnern daran, dass es Männer wie Avicenna (der in
Buchara geboren wurde, unweit des heutigen Afghanistan) und Averroes
gegeben hat – und es ist eine Sünde, dass immer wieder nur diese beiden
angeführt werden, als wären sie die Einzigen. Nicht die Rede dagegen ist
von Alkindus, Avempace, Avicebron, Ibn Tufail oder von jenem großen
Historiker des 14. Jahrhunderts, der Ibn Chaldun hieß und den der Westen
als eigentlichen Begründer der Sozialwissenschaften betrachtet. Wir
erinnern uns, dass die Araber aus Spanien schon Geografie, Astronomie,
Mathematik oder Medizin pflegten, als man in der christlichen Welt noch
ziemlich weit hinterherhinkte.
Das alles stimmt, aber es handelt sich
nicht um Argumente. Denn wollte man auf diese Weise räsonieren, so hieße
dies zu behaupten, dass Vinci, eine vortreffliche Gemeinde in der Toskana,
New York deshalb überlegen sei, weil Leonardo in Vinci zu einer Zeit
geboren wurde, in der in Manhattan vier Indianer auf dem Boden saßen und
mehr als 150 Jahre darauf warteten, dass die Holländer landeten, damit
diese ihnen die Halbinsel für 60 Gulden abkauften. Dies ist aber
unzutreffend, und – ohne irgendjemanden beleidigen zu wollen – das Zentrum
der Welt ist heute New York und nicht etwa Vinci. Die Dinge verändern
sich.
Es nützt nichts, sich daran zu erinnern, dass die Araber aus
Spanien sich Christen und Juden gegenüber als ziemlich tolerant erwiesen,
während von uns die Ghettos überfallen wurden, oder dass Saladin nach der
Rückeroberung Jerusalems den Christen gegenüber viel barmherziger war, als
die Christen den Sarazenen gegenüber gewesen waren, nachdem diese
Jerusalem erobert hatten. Alles Tatsachen, aber in der arabischen Welt
gibt es heute fundamentalistische und theokratische Regime, die die
Christen dort nicht tolerieren, und Osama Bin Laden ist mit New York nicht
gerade barmherzig umgegangen. Andererseits haben die Franzosen in der
Bartholomäusnacht ein Massaker veranstaltet, aber dies gestattet es
niemandem, sie heute als Barbaren zu bezeichnen.
Wir wollen nicht die
Geschichte bemühen, da sie eine zweischneidige Waffe ist. Die Türken haben
gepfählt (und das ist schlecht), aber die orthodoxen Byzantiner rissen den
gefährlichen Verwandten die Augen aus, und die Katholiken verbrannten
Giordano Bruno; die sarazenischen Piraten machten Rohes und Gekochtes aus
ihren Opfern, während die Korsaren mit Freibrief der britischen Krone die
spanischen Kolonien in der Karibik in Brand setzten; Bin Laden und Saddam
Hussein sind zwar eingeschworene Feinde der westlichen Zivilisation – aber
innerhalb dieser westlichen Zivilisation hatten wir es mit Herren zu tun,
die Hitler oder Stalin hießen (Stalin war so böse, dass er immer als
Orientale definiert wird, auch wenn er im Seminar studiert und Marx
gelesen hat).
Nein, das Problem der Parameter stellt sich nicht in
historischen, wohl aber in zeitgenössischen Kategorien. Einer der
lobenswerten Aspekte der westlichen Kulturen (frei und pluralistisch, und
dies sind die Werte, die wir für unverzichtbar halten) ist heute, dass man
sich seit langem bewusst geworden ist, dass ein und dieselbe Person dazu
veranlasst werden kann, bei unterschiedlichen Problemen mit diversen und
auch widersprüchlichen Parametern umzugehen. Wir halten beispielsweise die
Verlängerung der Lebensdauer für gut und die Umweltverschmutzung für
schlecht, aber empfinden es als gut, dass man vielleicht – um die großen
Labors zu unterhalten, in denen über die Verlängerung der Lebensdauer
geforscht wird – ein energetisches Kommunikations- und Versorgungssystem
benötigt, das seinerseits die Umweltverschmutzung nach sich zieht.
Die
westliche Kultur hat die Fähigkeit entwickelt, ihre eigenen
widersprüchlichen Bedingungen freimütig offen zu legen. Vielleicht löst
sie diese nicht, aber man weiß, dass es sie gibt, und man spricht darüber.
Letzten Endes findet sich die ganze Debatte um Global-ja und Globalnein
hier: Wie ist ein Ausmaß an positiver Globalisierung erträglich, das die
Risiken und Ungerechtigkeiten der perversen Globalisierung vermeidet; wie
kann man das Leben auch der Millionen Afrikaner verlängern, die an Aids
sterben (und zugleich auch das unsere verlängern), ohne eine
weltumspannende Ökonomie zu akzeptieren, die die an Aids Erkrankten vor
Hungers sterben und uns verseuchte Nahrung herunterschlucken lässt?

Doch genau diese Kritik der Parameter, die der Westen verfolgt und
ermutigt, lässt uns begreifen, dass die Frage der Parameter delikat ist.
Ist es richtig und zivilisiert, das Bankgeheimnis zu schützen? Viele sind
davon überzeugt. Wenn aber dieses Geheimnis den Terroristen erlaubt, ihr
Geld in der City von London zu halten? Ist dann die Verteidigung der so
genannten Privacy ein positiver oder ein zweifelhafter Wert?
Wir
stellen unsere Parameter ständig zur Diskussion. Die westliche Welt macht
dies in einem solchen Ausmaß, dass sie es den eigenen Bürgern zugesteht,
den Parameter der technischen Entwicklung nicht als positiv anzuerkennen
und Buddhisten zu werden oder aber in einer Gemeinschaft zu leben, die
keine Reifen benutzt, nicht einmal für Pferdekutschen. Die Schule muss
lehren, die Parameter, auf denen unsere leidenschaftlichen Behauptungen
beruhen, zu analysieren und zu diskutieren.

Das Problem, das die
Kulturanthropologie nicht gelöst hat, lautet: Was macht man, wenn ein
Mitglied einer Kultur, deren Prinzipien wir sogar zu respektieren gelernt
haben, zu uns zieht und bei uns leben möchte? In Wirklichkeit ist die
Mehrzahl der rassistischen Reaktionen im Westen nicht auf die Tatsache
zurückzuführen, dass in Mali Animisten leben, sondern dass sich die
Animisten bei uns ansiedeln. Was ist aber, wenn sie den Tschador tragen
und wenn sie ihre Mädchen infibulieren (Vernähen der Vagina bis zur
Hochzeitsnacht, A. d. Ü.) wollen, wenn sie (wie dies bei bestimmten Sekten
im Westen der Fall ist) die Bluttransfusion für ihre kranken Kinder
ablehnen, wenn der letzte Menschenfresser aus Neuguinea (falls es diese
noch gibt) zu uns emigrieren und sich wenigstens jeden Sonntag einen
kleinen Jungen rösten möchte?
Bei dem Menschenfresser sind wir alle
einer Meinung: Er wird ins Gefängnis gesteckt. Bei den Mädchen, die im
Tschador zur Schule gehen, sehe ich nicht ein, weshalb wir daraus eine
Tragödie machen sollten, wenn es ihnen gefällt. Über die Infibulation
dagegen ist die Debatte eröffnet (das gilt sogar für denjenigen, der so
tolerant ist vorzuschlagen, diese solle von ört-lichen Krankenstationen
vorgenommen werden, weil dann die Hygiene gesichert ist). Was aber machen
wir beispielweise mit der Forderung, die muslimischen Frauen sollten für
die Passfotos mit Schleier fotografiert werden dürfen?
Wir haben
Gesetze, die für jedermann gelten und die Kriterien für die
Identifizierung der Bürger aufstellen. Und ich glaube, dass man davon
nicht abweichen kann. Wenn ich eine Moschee besuche, ziehe ich mir die
Schuhe aus, weil ich die Gesetze und Gebräuche des Gastgeberlandes
beachte. Wie halten wir es da mit einem Foto mit Schleier? Ich glaube,
dass man in solchen Fällen verhandeln kann. Letzten Endes sind Passfotos
ohnehin nur bedingt tauglich. Womöglich hilft man sich demnächst mit einem
Fingerabdruck im Pass. Wenn Musliminnen ihrem eigenen Kleiderkodex folgen,
aber unsere Schulen besuchen würden, könnten sie auch von Rechten
erfahren, die sie nicht zu besitzen glauben – so wie viele aus dem Westen
die Koranschulen besucht und sich aus freien Stücken entschlossen haben,
Muslim zu werden.

Seit einigen Jahren gibt es eine internationale
Organisation mit dem Namen Transcultura, die eine “alternative
Anthropologie” verficht. Sie hat afrikanische Forscher, die nie im Westen
gewesen sind, dazu angeregt, die französische Provinz und die Gesellschaft
von Bologna zu beschreiben, und ich versichere Ihnen, dass – als wir
Europäer gelesen haben, dass zwei der überraschendsten Beobachtungen das
Faktum betrafen, dass die Europäer ihre Hunde spazieren führen und man am
Strand nackig herumläuft – der gegenseitige Blick von beiden Seiten zu
funktionieren begonnen hat und daraus interessante Diskussionen entstanden
sind.
Man stelle sich vor, die islamischen Fundamentalisten würden
eingeladen, den christlichen Fundamentalismus zu erforschen – diesmal
kommen keine Katholiken ins Spiel, sondern protestantische Amerikaner, die
fanatischer als ein Ajatollah sind und in den Schullehrbüchern jeden
Hinweis auf Darwin tilgen möchten. Nun, ich glaube, dass das
anthropologische Studium des Fundamentalismus anderer dazu dienen könnte,
die Natur des eigenen besser zu verstehen. Sie kämen dazu, unser Konzept
des Heiligen Krieges zu ergründen (ich könnte ihnen viele interessante
Schriften empfehlen, auch neueren Datums), und vielleicht sähen sie die
Vorstellung vom Heiligen Krieg in ihrem Fall mit kritischeren Augen.
Eigentlich haben wir im Westen über die Grenzen unserer Denkweise
nachgedacht, indem wir “La pensée sauvage” (“Das wilde Denken”)
beschrieben haben.

Einer der Werte, von denen in der westlichen
Zivilisation viel gesprochen wird, ist die Akzeptanz der Differenzen.
Theoretisch sind wir uns alle einig, dass es politically correct ist, in
der Öffentlichkeit zu sagen, jemand sei gay, aber zu Hause redet man dann
kichernd von einem Schwulen. Wie stellt man es an, die Akzeptanz der
Differenz zu lehren? Die Académie universelle des cultures hat eine
Website ins Internet gestellt, auf der sich Materialien über diverse
Themen finden lassen (Hautfarben, Religionen, Sitten und Gebräuche und so
weiter), und zwar für Pädagogen eines jeden Landes, die ihren Schülern
beibringen möchten, wie sie jene akzeptieren, die anders sind als sie
selbst.
Zunächst hat man beschlossen, den Kindern keine Lügen
aufzutischen, indem man behauptet, alle Menschen seien gleich. Die Kinder
bemerken sehr wohl, dass einige Nachbarn oder Klassenkameraden nicht so
sind wie sie selbst, sondern eine andere Hautfarbe, Mandelaugen, volleres
oder glatteres Haar haben, seltsame Dinge essen und nicht zur Ersten
Heiligen Kommunion gehen. Auch genügt es nicht, ihnen zu sagen, dass jeder
ein Geschöpf Gottes sei, weil auch die Tiere Geschöpfe Gottes sind, und
dennoch haben die Kinder nie eine Ziege im Klassenzimmer gesehen, die
ihnen die Rechtschreibung beibringt.
Man muss den Kindern also
beibringen, dass die menschlichen Wesen untereinander sehr verschieden
sind, und ihnen genau erklären, worin diese sich unterscheiden, um dann
aufzuzeigen, dass diese Unterschiedlichkeiten ein Quell der Bereicherung
sein können. Ein Lehrer in einer italienischen Stadt müsste seinen
italienischen Schülern helfen zu begreifen, warum andere Kinder zu einer
anderen Gottheit beten oder eine andere Musik spielen, die sich anders
anhört als Rock’n’Roll. Natürlich müsste ein chinesischer Lehrer
chinesischen Kindern, die in der Nachbarschaft einer christlichen Gemeinde
leben, dasselbe beibringen. Der nächste Schritt wäre dann aufzuzeigen,
dass deren und unsere Musik Gemeinsamkeiten besitzen und dass auch ihr
Gott einige gute Dinge empfiehlt.
Möglicher Einwand: Wir tun es in
Florenz, aber machen sie es auch in Kabul? Nun, dieser Einwand ist so weit
wie nur möglich von den Werten der westlichen Zivilisation entfernt. Wir
begreifen uns als pluralistische Gemeinschaft, weil wir es zulassen, dass
bei uns Moscheen gebaut werden, und wir nicht darauf verzichten können,
nur weil sie in Kabul die christlichen Propagandisten ins Gefängnis
werfen. Wenn wir es doch täten, würden auch wir zu Taliban werden.
Wir
hoffen, dass – da wir die Moscheen bei uns zulassen – es eines Tages
christliche Kirchen bei ihnen gibt oder sie die Buddha-Figuren bei sich
nicht bombardieren.

In diesen Zeiten kommen viele merkwürdige
Dinge ans Tageslicht. Es scheint so, als wäre die Verteidigung der
westlichen Werte die ureigenste Angelegenheit der Rechten geworden,
während die Linke sich wie üblich philo-islamisch gibt.
Dabei ist die
Verteidigung der Werte der Wissenschaft, des technischen Fortschritts und
der modernen Kultur des Westens im Allgemeinen stets ein Merkmal der
laizistischen und fortschrittlichen Flügel gewesen. Auf eine Ideologie des
technischen und wissenschaftlichen Fortschritts haben sich auch alle
kommunistischen Regime berufen. Das Kommunistische Manifest von 1848
beginnt mit einer unbefangenen Würdigung der bürgerlichen Expansion. Marx
sagt nicht etwa, dass man das Rad neu erfinden und zur asiatischen
Produktionsweise übergehen müsse – er sagt vielmehr, das Proletariat müsse
sich bestimmte Werte und Errungenschaften des Bürgertums aneignen.

Umgekehrt ist es immer das reaktionäre Denken (im vornehmsten Sinn des
Wortes) gewesen, zumindest beginnend mit der Ablehnung der Französischen
Revolution, das sich der laizistischen Ideologie des Fortschritts
entgegengestellt hat mit der Forderung, man müsse sich den Werten der
Tradition zuwenden. Die ernsthafteren unter den Denkern der Tradition
haben sich immer, neben den Riten und Mythen der primitiven Völker oder
der buddhistischen Lehre, dem Islam als noch stets aktuellem Quell
alternativer Spiritualität zugewendet. Es waren stets sie, die uns daran
erinnert haben, dass wir – wenngleich von der Ideologie des Fortschritts
ausgetrocknet – nicht überlegen sind und dass wir die Wahrheit bei den
mystischen Sufis oder bei den tanzenden Derwischen suchen müssen.
In
diesem Sinn öffnet sich derzeit eine sonderbare Kluft. Aber vielleicht ist
dies auch nur ein Zeichen dafür, dass in einer Zeit großer Verwerfungen
(und gewiss leben wir in einer solchen) niemand mehr weiß, auf welcher
Seite er steht.
Gerade in einer solchen Zeit muss man es verstehen,
dem eigenen Aberglauben wie dem der anderen entgegenzutreten: mit den
Waffen der Analyse und Kritik. Ich hoffe, dass diese Themen nicht nur bei
Pressekonferenzen angesprochen werden, sondern auch in den Schulen.

 
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