trang chủ talaCu ▼ 2005 – 2008 2009 – 2010 Ý kiến ngắn spectrum sách mới tòa soạn hỗ trợ talawas
Ý kiến ngắn
2.11.2008
Đinh Bá Anh
Ý kiến ngắn
2.11.2008
Minh Ngọc
Ý kiến ngắn
2.11.2008
Lưu Linh
Ý kiến ngắn
2.11.2008
Diễm Chi (2822)
Ý kiến ngắn
2.11.2008
Nguyễn Đăng Thường
Triết học
2.11.2008
Kiệt Tấn
Ý kiến ngắn
2.11.2008
Đào Nguyên (3097)
Ý kiến ngắn
2.11.2008
Hoàng Ngọc Hiến
Triết học
2.11.2008
Kiệt Tấn
Thơ và Thơ Trẻ
2.11.2008
Hoàng Hưng
Giáo dục
2.11.2008
Nam Đan
Lịch sử
2.11.2008
Jorn Rusen
talawas chủ nhật
2.11.2008
Walter Skrobanek
Tủ sách talawas
1.11.2008
Nguyễn Mộng Giác
Tôn giáo
1.11.2008
Walter Russel Mead
20.11.2002
Karl-Heinz Kohl
Auf der Documenta
 

Im Kasseler Museum zeitgenössischer afrikanischer Kunst, vom Künstler Meschac Gabs eigens für die Documenta erfunden, hängt ein Tropenhelm an einem Kleiderhaken. Der Beniner Künstler hat ihn mit zwei Augenlöchern versehen und auf diese Weise in eine afrikanische Tanzmaske verwandelt. Ganz ähnliche Verfahren wählen auch andere außereuropäische Künstler der diesjährigen Documenta: Sie schlüpfen in die Kostüme der maîtres fous, der einstigen Kolonialherren, um durch deren Brille auf die Kultur des Westens zu blicken. Die Resultate sind bestechend: verrückte Meisterwerke der Ironie.

Yinka Shonbare etwa präsentiert das dreidimensionales Schaubild einer aristokratischen grand tour des 18. Jahrhunderts, deren kopflose Teilnehmer in afrikanische Stoffe gewandet sind und sich in allen möglichen Kopulationsvarianten ergehen. Die Künstlerin persifliert die erotischen Imaginationen der Kolonisatoren, als deren Projektionsfläche der Schwarze Kontinent auch heute noch herhalten muss. Georges Adéagbo, ein weiterer Künstler aus Benin, versetzt sich in die Rolle des exotischen Trophäenjägers. Wie die europäischen Forschungsreisenden, die all das sammelten, was ihnen fremd, kurios oder merkwürdig erschien, stellt er in seiner Installation Der Entdecker und die Entdecker angesichts der Geschichte der Entdeckungen alle möglichen Belanglosigkeiten zusammen: Masken, Flugblätter und Künstlerporträts, Kinderbücher, Schallplatten und ethnologische Abhandlungen, um die historischen Beziehungen zwischen Europa und Afrika zu dokumentieren. Auf diese Weise entsteht ein imaginäres Museum, das den Zusammenhang zwischen Imperialismus, Sammelleidenschaft und Wissenschaft deutlich macht. Europa selbst übernimmt dabei den Part des unverständlichen, exotischen Kontinents.

So erhellend aber die Aneignung des ethnografischen Blicks erscheint, wenn er sich auf die Kultur des Westens richtet, so konventionell und überraschend stereotyp werden bei einigen Künstlern die Aussagen, sobald es um die Darstellung der eigenen Herkunftskultur geht. Vor allem das Obergeschoss der Documenta-Halle ist in dieser Hinsicht gründlich misslungen. Fareed Armaly hat auf den Hallenboden eine Landkarte Palästinas projiziert. Zusammen mit den Videocollagen in den Nebenräumen werden Assoziationen von Blut und Boden assoziiert, die sich durch die Aufführung eines melodramatischen Flüchtlingslagerfilms von Tewik Salah aus dem Jahre 1972 noch verstärken.

Was den Revolutionsromantikern der siebziger Jahre der “antiimperialistische Kampf” der Palästinenser, das waren den Ethnoromantikern der achtziger Jahre die letzten “Naturvölker”. Die Aborigines der australischen Wüste, die Jägervölker des Amazonasbeckens und die Inuit des hohen Nordens schienen mustergültig in ihrem sorgsamen Umgang mit der Natur. Von einer Inuit-Produktionsgesellschaft, die eine dreizehnteilige “Seifenoper” über das Leben der eigenen Eltern hergestellt hat, heißt es im Documenta-Katalog, sie hätte mit den narrativen Konventionen des ethnografischen Films gebrochen. Doch zeigen die Filme von neuen ästhetischen Ausdrucksformen kaum eine Spur. Die gefährliche Jagd auf das Walross, das Kajak, das mit dem Horizont der ewigen Eiswüste verschmilzt, die arktischen Sonnenuntergänge, dies alles hatte vor 80 Jahren schon Robert Flaherty in seinem Klassiker Nanook of the North auf die Leinwand gebracht.

Die Selbstromantisierung der arktischen Fischer und Robbenjäger mag indes noch angehen, wenn man sie mit dem kolossalen Ethnokitsch der iranischen Künstlerin Shirin Neshat vergleicht. Unter wagnerhaften Klängen zelebriert sie in ihrem dramatischen Videoclip Tooba einen Naturmystizismus, dessen Pathos fatal an Leni Riefenstahls Tiefland aus dem Jahr 1940 erinnert.

Die Ironie, die aus der Mimesis des fremden Blicks resultiert, sucht man in solchen künstlerischen Selbstdarlegungen vergebens. Wenn es um die eigene Kultur geht, dominiert mit einem Mal der bittere Ernst. Distanzlos werden mit einem Mal jene Romantizismen reproduziert, die neben Rassismen und Dämonisierungen ebenfalls in die Inventarkammer des westlichen Exotismus gehörten. Deutlich wird an ihnen die zentrale Schwäche der von vielen Intellektuellen vertretenen postkolonialen Position. Die Fixierung auf eine Epoche der Geschichte, der die Verantwortung für alles und jedes zugeschoben werden kann, erweist sich letztlich als Hemmschuh.

Karl-Heinz Kohl ist Professor für Ethnologie an der Universität Frankfurt am Main und Direktor des Frobenius-Instituts. Sein jüngstes Buch: “Der Tod der Reisjungfrau” (Kohlhammer Verlag, Stuttgart)

 
© talawas 2026